Sobald die Mei­nung nicht passt, folgt der Klick: Blo­ckiert. Ent­freun­det. Gelöscht. Aus­ge­rech­net Chris­ten, die von Lie­be pre­di­gen, zei­gen in sozia­len Medi­en oft wenig davon. Ein Phä­no­men, das Gemein­den spal­tet und dem Evan­ge­li­um scha­det.

Wenn die “Entfreunden”-Taste schneller ist als die Liebe: Warum Christen in sozialen Medien mehr spalten als verbinden!

Es geschieht täg­lich in den digi­ta­len Räu­men, wo sich Chris­ten begeg­nen. Eine theo­lo­gi­sche Mei­nungs­ver­schie­den­heit, ein Bibel­vers zur fal­schen Zeit zitiert, eine ande­re Sicht­wei­se auf eine ethi­sche Fra­ge, und schon ist es pas­siert: Der Kon­takt wird abge­bro­chen, die Freund­schaft been­det, der Aus­tausch für immer ver­stummt. Was bleibt, ist nicht nur Stil­le, son­dern oft auch Bit­ter­keit, Ver­let­zung und die beklem­men­de Fra­ge, ob die christ­li­che Gemein­schaft im digi­ta­len Zeit­al­ter noch wirk­lich Gemein­schaft ist oder nur eine Ansamm­lung von Par­al­lel­wel­ten, die sich gegen­sei­tig blo­ckie­ren.

Die Beob­ach­tung ist schmerz­lich, aber sie lässt sich kaum leug­nen: In den sozia­len Medi­en, wo Chris­ten unter­wegs sind, herrscht häu­fig mehr Spal­tung als Gemein­schaft. Platt­for­men wie Face­book, Insta­gram, Twit­ter oder Tik­tok sind zu Schau­plät­zen gewor­den, auf denen sich Gläu­bi­ge gegen­sei­tig zer­flei­schen, statt ein­an­der zu bau­en. Und das Para­do­xe dar­an ist, dass gera­de jene, die am lau­tes­ten von Lie­be, Gna­de und Ver­ge­bung spre­chen, oft die­je­ni­gen sind, die am schnells­ten den digi­ta­len Kon­takt abbre­chen, sobald jemand nicht ihrer Mei­nung ist.

Die­se Ent­wick­lung ist nicht nur ein sozia­les Phä­no­men, son­dern auch ein geist­li­ches Pro­blem von erheb­li­chem Aus­maß. Jesus Chris­tus bete­te in sei­nem hohe­pries­ter­li­chen Gebet ein­dring­lich für die Ein­heit sei­ner Jün­ger. In Johan­nes 17,21 heißt es: „Auf dass sie alle eins sei­en, gleich­wie du, Vater, in mir und ich in dir, dass auch sie in uns eins sei­en, auf dass die Welt glau­be, dass du mich gesandt hast.” Die Ein­heit der Gläu­bi­gen ist kein net­tes Extra, son­dern ein zen­tra­les fun­da­men­ta­les Zeug­nis für die Glaub­wür­dig­keit des Evan­ge­li­ums. Wenn die Welt sieht, dass Chris­ten sich nicht ein­mal unter­ein­an­der ertra­gen kön­nen, wie soll sie dann glau­ben, dass Chris­tus wirk­lich die Macht hat, Men­schen zu ver­än­dern?

Die Fra­ge ist also nicht nur, war­um wir uns so schnell von­ein­an­der tren­nen, son­dern auch, was das über unse­ren Glau­ben aus­sagt. Der Apos­tel Pau­lus schreibt in Ephe­ser 4,2–3: „Mit aller Demut und Sanft­mut, mit Geduld, ertragt einer den andern in Lie­be und seid dar­auf bedacht, zu wah­ren die Einig­keit im Geist durch das Band des Frie­dens.” Hier wird deut­lich, dass Ein­heit nicht bedeu­tet, dass alle die­sel­be Mei­nung haben müs­sen. Viel­mehr bedeu­tet sie, dass wir ein­an­der ertra­gen, auch wenn es schwer­fällt, und dass wir aktiv dar­an arbei­ten, den Frie­den zu bewah­ren.

Doch in den sozia­len Medi­en scheint das Gegen­teil der Fall zu sein. Statt Demut herrscht Selbst­ge­rech­tig­keit. Statt Geduld herrscht Unge­duld. Statt ein­an­der zu ertra­gen, blo­ckie­ren wir ein­an­der. Der digi­ta­le Raum ver­führt dazu, Men­schen auf ihre Mei­nun­gen zu redu­zie­ren und sie dann mit einem Klick aus unse­rem Leben zu ent­fer­nen, wenn die­se Mei­nun­gen uns nicht pas­sen. Dabei ver­ges­sen wir, dass hin­ter jedem Pro­fil­bild ein Mensch steht, der von Gott geliebt wird, für den Chris­tus gestor­ben ist und der genau­so feh­ler­haft und erlö­sungs­be­dürf­tig ist wie wir selbst.

Es ist wich­tig zu beto­nen, dass die Bibel kei­nes­wegs lehrt, dass wir jeden Umgang pfle­gen müs­sen oder dass es nie­mals rich­tig ist, sich von Men­schen zu distan­zie­ren. Es gibt bibli­sche Grün­de für Tren­nung. In Mat­thä­us 18,15–17 gibt Jesus kla­re Anwei­sun­gen für den Umgang mit Sün­de in der Gemein­de, und in 1. Korin­ther 5,11 schreibt Pau­lus: „Nun aber habe ich euch geschrie­ben: Ihr sollt nichts zu schaf­fen haben mit einem, der sich Bru­der nen­nen lässt und ist ein Unzüch­ti­ger oder ein Gei­zi­ger oder ein Göt­zen­die­ner oder ein Läs­te­rer oder ein Trun­ken­bold oder ein Räu­ber; mit so einem sollt ihr auch nicht essen.” Es gibt also Situa­tio­nen, in denen Tren­nung not­wen­dig und gebo­ten ist. Aber die­se bibli­schen Maß­stä­be gel­ten für schwer­wie­gen­de mora­li­sche und theo­lo­gi­sche Ver­feh­lun­gen, nicht für jede Mei­nungs­ver­schie­den­heit über Neben­säch­lich­kei­ten.

Das Pro­blem in den sozia­len Medi­en ist, dass wir oft nicht mehr unter­schei­den zwi­schen dem, was wirk­lich wich­tig ist, und dem, was zweit­ran­gig ist. Wir machen aus Maul­wurfs­hü­geln Ber­ge und behan­deln jede theo­lo­gi­sche Nuan­ce, als gin­ge es um den Kern des Evan­ge­li­ums. Der puri­ta­ni­sche Theo­lo­ge Richard Bax­ter (1615–1691) präg­te einst den Satz: „In not­wen­di­gen Din­gen Ein­heit, in zwei­fel­haf­ten Din­gen Frei­heit, in allen Din­gen Lie­be.” Die­ser Grund­satz scheint in der digi­ta­len Debat­ten­kul­tur vie­ler Chris­ten ver­lo­ren gegan­gen zu sein.

Hin­zu kommt, dass sozia­le Medi­en von ihrer Struk­tur her nicht gera­de dazu bei­tra­gen, Kon­flik­te zu ent­schär­fen. Sie beloh­nen Zuspit­zung, Emo­ti­on und schnel­le Reak­tio­nen. Sie ent­mensch­li­chen unse­re Gegen­über, indem sie Face-to-Face-Gesprä­che durch kur­ze Text­bot­schaf­ten erset­zen. Sie ver­füh­ren dazu, vor­schnell zu urtei­len und ohne aus­rei­chen­des Nach­den­ken zu reagie­ren. All die­se Fak­to­ren zusam­men schaf­fen ein Umfeld, in dem christ­li­che Gemein­schaft schwer gedei­hen kann.

Doch die Bibel lässt uns nicht im Unkla­ren dar­über, wie wir mit­ein­an­der umge­hen sol­len, auch wenn wir unter­schied­li­cher Mei­nung sind. In Römer 14,1 schreibt Pau­lus: „Den Schwa­chen im Glau­ben nehmt an und strei­tet nicht über Mei­nun­gen.” Und wei­ter in Vers 3: „Wer isst, der ver­ach­te den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, der rich­te den nicht, der isst; denn Gott hat ihn ange­nom­men.” Pau­lus spricht hier über Gewis­sens­fra­gen, bei denen Chris­ten unter­schied­li­cher Über­zeu­gung sein kön­nen, ohne dass die eine Sei­te auto­ma­tisch Unrecht hat. In sol­chen Fra­gen ist gegen­sei­ti­ge Annah­me und Respekt gefor­dert, nicht Ver­ach­tung oder Ver­ur­tei­lung.

Beson­ders ein­drück­lich wird die­ser Gedan­ke in Römer 14,10: „Du aber, was rich­test du dei­nen Bru­der? Oder du, was ver­ach­test du dei­nen Bru­der? Wir wer­den alle vor den Rich­ter­stuhl Got­tes gestellt wer­den.” Die­se Mah­nung erin­nert uns dar­an, dass wir nicht die ulti­ma­ti­ven Rich­ter sind. Gott allein kennt die Her­zen und wird einst Rechen­schaft von jedem for­dern. Unse­re Auf­ga­be ist es nicht, uns gegen­sei­tig zu rich­ten, son­dern ein­an­der in Lie­be zu begeg­nen und gemein­sam nach der Wahr­heit zu suchen.

Nun könn­te jemand ein­wen­den, dass es doch auch um Wahr­heit gehen muss, dass wir nicht ein­fach alles tole­rie­ren kön­nen. Die­ser Ein­wand ist berech­tigt. Die Bibel ruft uns tat­säch­lich dazu auf, für die Wahr­heit ein­zu­ste­hen. In Judas 3 lesen wir: „Ihr Lie­ben, da es mich drängt, euch zu schrei­ben von unser aller Heil, hal­te ich’s für nötig, euch in mei­nem Brief zu ermah­nen, dass ihr für den Glau­ben kämpft, der ein für alle Mal den Hei­li­gen anver­traut ist.” Es gibt also durch­aus einen Kampf für den Glau­ben, eine Ver­tei­di­gung der Wahr­heit, die not­wen­dig ist.

Doch ent­schei­dend ist, wie wir die­sen Kampf füh­ren. Pau­lus schreibt in 2. Timo­theus 2,24–25: „Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streit­süch­tig sein, son­dern freund­lich gegen jeder­mann, im Leh­ren geschickt, der Böses ertra­gen kann und mit Sanft­mut die Wider­spens­ti­gen zurecht­weist, ob ihnen Gott viel­leicht Buße gebe, die Wahr­heit zu erken­nen.” Hier wird deut­lich: Wahr­heit und Lie­be gehö­ren zusam­men. Wir sol­len nicht schwei­gen, wenn es um die Wahr­heit geht, aber wir sol­len auch nicht streit­süch­tig, hart oder lieb­los sein. Sanft­mut, Geduld und Freund­lich­keit sind die Werk­zeu­ge, mit denen wir für die Wahr­heit ein­tre­ten sol­len.

Die Rea­li­tät in vie­len christ­li­chen Social-Media-Krei­sen sieht jedoch anders aus. Dort wird schnell mit har­ten Wor­ten um sich gewor­fen, wer­den Men­schen öffent­lich bloß­ge­stellt, wer­den Unter­stel­lun­gen gemacht und Moti­ve hin­ter­fragt. Dabei wird oft über­se­hen, dass Jako­bus 3,10 mahnt: „Aus einem Mun­de kommt Loben und Flu­chen. Das soll nicht so sein, lie­be Brü­der.” Und in Ephe­ser 4,29 heißt es: „Lasst kein fau­les Geschwätz aus eurem Mund gehen, son­dern redet, was gut ist, was erbaut und was not­wen­dig ist, damit es Segen brin­ge denen, die es hören.”

Was also ist zu tun? Wie kön­nen wir als Chris­ten in den sozia­len Medi­en anders agie­ren, sodass wir wirk­lich Salz und Licht sind und nicht Teil des Pro­blems? Zunächst ein­mal müs­sen wir erken­nen, dass das Pro­blem nicht in ers­ter Linie ein tech­ni­sches ist, son­dern ein geist­li­ches. Es geht nicht dar­um, Face­book oder Tik­tok zu ver­teu­feln, son­dern dar­um, unser Herz zu prü­fen. Jesus sag­te in Mat­thä­us 15,18: „Was aber aus dem Mun­de her­aus­kommt, das kommt aus dem Her­zen, und das macht den Men­schen unrein.” Unse­re Wor­te in den sozia­len Medi­en offen­ba­ren, was in unse­rem Her­zen ist.

Des­halb müs­sen wir uns fra­gen: War­um reagie­ren wir so schnell gereizt? War­um fällt es uns so schwer, ande­re Mei­nun­gen zu ertra­gen? War­um nei­gen wir dazu, Men­schen zu blo­ckie­ren, statt mit ihnen im Gespräch zu blei­ben? Oft liegt die Ant­wort in unse­rem eige­nen Stolz, unse­rer Unsi­cher­heit oder unse­rer man­geln­den Demut. Sprü­che 16,18 warnt: „Wer zugrun­de gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hoch­mut kommt vor dem Fall.” Hoch­mut ist eine der größ­ten Gefah­ren im digi­ta­len Dis­kurs, denn er lässt uns glau­ben, wir hät­ten immer recht und die ande­ren immer unrecht.

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Schritt ist, dass wir ler­nen, bewuss­ter mit den sozia­len Medi­en umzu­ge­hen. Das bedeu­tet, nicht sofort zu reagie­ren, son­dern inne­zu­hal­ten und zu beten. Es bedeu­tet, uns zu fra­gen, ob das, was wir schrei­ben wol­len, wirk­lich not­wen­dig, wahr und lie­be­voll ist. Es bedeu­tet auch, den Mut zu haben, Gesprä­che off­line zu füh­ren, wenn sie online zu eska­lie­ren dro­hen. Oft kön­nen Miss­ver­ständ­nis­se in einem per­sön­li­chen Gespräch viel bes­ser geklärt wer­den als in einem Kom­men­t­ar­th­read.

Dar­über hin­aus müs­sen wir als christ­li­che Gemein­schaft wie­der ler­nen, zwi­schen Kern­wahr­hei­ten des Glau­bens und zweit­ran­gi­gen Fra­gen zu unter­schei­den. Nicht jede theo­lo­gi­sche Dif­fe­renz recht­fer­tigt eine Tren­nung. Es gibt Raum für unter­schied­li­che Über­zeu­gun­gen in vie­len Berei­chen, solan­ge das Fun­da­ment des Evan­ge­li­ums intakt bleibt. Römer 15,7 ermu­tigt uns: „Dar­um nehmt ein­an­der an, wie Chris­tus euch ange­nom­men hat zu Got­tes Lob.”

Abschlie­ßend bleibt fest­zu­hal­ten, dass die Art und Wei­se, wie wir als Chris­ten in den sozia­len Medi­en mit­ein­an­der umge­hen, ein Zeug­nis für die Welt ist. Wenn wir uns zer­strei­ten, spal­ten und gegen­sei­tig ver­ur­tei­len, dann ver­kün­di­gen wir damit, dass das Evan­ge­li­um kei­ne ver­wan­deln­de Kraft hat. Wenn wir aber in Lie­be, Respekt und Demut mit­ein­an­der umge­hen, auch wenn wir unter­schied­li­cher Mei­nung sind, dann zei­gen wir der Welt, dass Chris­tus wirk­lich Men­schen ver­än­dern kann. In 1. Johan­nes 4,20 heißt es klar: „Wenn jemand spricht: Ich lie­be Gott, und hasst sei­nen Bru­der, der ist ein Lüg­ner. Denn wer sei­nen Bru­der nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lie­ben, den er nicht sieht?”

Die digi­ta­le Welt wird nicht ver­schwin­den. Sozia­le Medi­en sind Teil unse­rer Rea­li­tät. Aber wie wir sie nut­zen, liegt in unse­rer Ver­ant­wor­tung. Las­sen wir uns nicht von der Schnel­lig­keit und Ober­fläch­lich­keit die­ser Medi­en mit­rei­ßen. Blei­ben wir statt­des­sen ver­wur­zelt in der Lie­be Chris­ti, die gedul­dig ist, gütig ist, nicht nei­disch, nicht prah­le­risch, nicht auf­ge­bla­sen. Die Lie­be, die alles erträgt, alles glaubt, alles hofft, alles dul­det, wie es in 1. Korin­ther 13,4–7 beschrie­ben wird. Die­se Lie­be ist es, die unse­re Wor­te, auch die digi­ta­len, prä­gen soll­te. Dann wird aus der Spal­tung wie­der Gemein­schaft, aus dem Streit wie­der Gespräch, aus der Blo­cka­de wie­der Begeg­nung. Und die Welt wird sehen, dass wir Jün­ger Chris­ti sind, nicht an unse­ren theo­lo­gi­schen Spitz­fin­dig­kei­ten, son­dern an unse­rer Lie­be für­ein­an­der.

„Und der Frie­de Got­tes, der höher ist als alle Ver­nunft, wird eure Her­zen und Sin­ne bewah­ren in Chris­tus Jesus” (Phil­ip­per 4,7). Amen.