Johannes’ Warnung vor Selbstbetrug trifft die moderne Kirche ins Mark. Wo Sünde nicht mehr benannt wird, verschwindet echte Umkehr. Wo Bekenntnis durch Selbstrechtfertigung ersetzt wird, stirbt Gemeinschaft mit Gott. Ein Ruf zur radikalen Ehrlichkeit.
1.Johannes 1,8–10: “Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.
Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.”
Die gefährliche Illusion der sündlosen Kirche: Selbstbetrug, falsche Gnade und verlorene Wahrheit
In einer Zeit, in der das Wort “Sünde” aus vielen kirchlichen Vokabularen nahezu verschwunden ist, klingen die Worte des Johannes wie ein Donnerschlag aus einer vergangenen Epoche: “Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.” Der Apostel adressiert hier eine der gefährlichsten Tendenzen, die eine Kirche erfassen kann: den Selbstbetrug hinsichtlich der eigenen moralischen und geistlichen Verfassung. Dieser Selbstbetrug manifestiert sich heute auf vielfältige Weise – von der völligen Leugnung des Sündenbegriffs in liberalen Kreisen bis zur pharisäischen Selbstgerechtigkeit in konservativen Gemeinden. In beiden Fällen gilt: Wo Sünde nicht mehr erkannt, bekannt und bereut wird, dort ist die Wahrheit nicht, und damit auch nicht Gott selbst.
Die moderne liberale Theologie hat den Sündenbegriff systematisch demontiert. Was über Jahrhunderte als moralisches Versagen, als Rebellion gegen Gott, als Verfehlung seiner heiligen Standards verstanden wurde, wird heute als psychologisches Problem, als Resultat gesellschaftlicher Strukturen oder als natürliche menschliche Entwicklung umdefiniert. Man spricht von “Fehlern”, “Schwächen”, “unglücklichen Entscheidungen” oder “Wachstumsmöglichkeiten”, aber das biblische Konzept der Sünde – als fundamentale Entfremdung von Gott, als schuldhaftes Verfehlen seiner Gebote – wird als veraltet, repressiv und psychologisch schädlich abgelehnt. Der berühmte Psychiater Karl Menninger schrieb bereits 1973 ein Buch mit dem bezeichnenden Titel “Whatever Became of Sin?” (“Was ist aus der Sünde geworden?”), in dem er die Auflösung des Sündenbegriffs in der modernen Gesellschaft beklagte. Fünfzig Jahre später hat sich dieser Trend in der Kirche selbst vollends durchgesetzt.
Die Folgen dieser Entwicklung sind verheerend. Wo es keine Sünde gibt, braucht es keine Erlösung. Wo es keine Schuld gibt, braucht es keine Vergebung. Wo es kein moralisches Versagen gibt, braucht es keinen Erlöser. Das Kreuz Christi wird in diesem Denken seiner zentralen Bedeutung beraubt und zu einem bloßen Symbol göttlicher Solidarität mit menschlichem Leid reduziert. Paulus schrieb jedoch unmissverständlich: “Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft” (1. Korinther 1,18). Das Kreuz macht nur Sinn im Kontext der Sünde. Christus starb nicht, um uns ein gutes Beispiel zu geben oder göttliches Mitgefühl zu demonstrieren, sondern um die Strafe für unsere Sünden zu tragen. “Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt” (Jesaja 53,5).
Eine Theologie, die die Sünde leugnet, macht das Evangelium überflüssig.
Besonders perfide ist die moderne Umkehrung moralischer Kategorien. Was die Bibel eindeutig als Sünde bezeichnet, wird heute als persönliche Freiheit, authentische Selbstverwirklichung oder sogar als gottgegebene Identität umgedeutet. Wer dagegen das biblische Zeugnis hochhält und Sünde beim Namen nennt, wird als lieblos, intolerant oder gar als Verursacher psychischer Schäden gebrandmarkt. Der Prophet Jesaja warnte vor genau dieser Verkehrung: “Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen!” (Jesaja 5,20). Wenn die Kirche selbst beginnt, Sünde als Tugend zu feiern und biblische Wahrheit als Irrtum zu verurteilen, dann hat sie ihre biblische Grundlage völlig verloren. Sie mag noch religiös sein, aber sie ist nicht mehr christlich.
Doch Selbstbetrug hinsichtlich der Sünde findet sich nicht nur in liberalen, sondern auch in konservativen kirchlichen Kreisen. Hier zeigt er sich oft in Form pharisäischer Selbstgerechtigkeit. Man bekennt theoretisch die eigene Sündigkeit, lebt aber praktisch so, als sei man moralisch überlegen. Es entsteht eine Kultur religiöser Performance, in der Fehler verschwiegen, Schwächen versteckt und Masken aufrechterhalten werden müssen. Menschen kämpfen mit Süchten, zerbrochenen Ehen, finanziellen Unehrlichkeiten, sexuellen Versuchungen, aber niemand spricht darüber, weil alle Angst haben, ihr frommes Image zu verlieren. Jesus konfrontierte diese Haltung bei den religiösen Führern seiner Zeit schonungslos: “Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Zehnten gebt von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben!” (Matthäus 23,23).
Äußere Frömmigkeit bei gleichzeitiger innerer Unehrlichkeit ist Heuchelei – und Heuchelei ist Selbstbetrug.
Johannes macht deutlich: “Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst.” Nicht andere – uns selbst. Der größte Schaden des Leugnens von Sünde trifft nicht Gott, der die Wahrheit ohnehin kennt, sondern uns selbst. Selbstbetrug führt zu geistlicher Blindheit. Wer seine Sünde leugnet, kann nicht umkehren. Wer nicht umkehrt, kann nicht Vergebung empfangen. Wer keine Vergebung empfängt, bleibt in Schuld und Trennung von Gott gefangen. Der Psychiater und Seelsorger Larry Crabb bemerkte treffend: “Die größte Barriere für geistliches Wachstum ist nicht Sünde, sondern Selbsttäuschung über Sünde.” Jeremia beschrieb die menschliche Neigung zum Selbstbetrug drastisch: “Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen?” (Jeremia 17,9). Ohne die schonungslose Offenbarung des Heiligen Geistes durch Gottes Wort können wir die Tiefen unserer eigenen Sündhaftigkeit nicht einmal erfassen.
Und genau deshalb fügt Johannes sofort die Lösung hinzu: “Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.” Das Bekenntnis der Sünde ist der Wendepunkt, der Moment der Wahrheit, der aus der Finsternis des Selbstbetrugs ins Licht der Ehrlichkeit führt. Bekenntnis bedeutet zunächst, die Sünde als das anzuerkennen, was sie ist: nicht als Fehler, nicht als Schwäche, nicht als unvermeidliche menschliche Unzulänglichkeit, sondern als schuldhaftes Vergehen gegen den heiligen Gott. Das griechische Wort für bekennen, homologeō, bedeutet wörtlich “das Gleiche sagen” – also mit Gott übereinstimmen in der Beurteilung unserer Tat.
Wir sagen über unsere Sünde das, was Gott darüber sagt. Keine Ausreden, keine Relativierungen, keine Schuldzuweisungen an andere oder an Umstände. David modellierte ein solches Bekenntnis nach seinem Ehebruch mit Batseba: “Denn ich erkenne meine Missetat, und meine Sünde ist immer vor mir. An dir allein habe ich gesündigt und übel vor dir getan” (Psalm 51,5–6).
Das Bekenntnis geschieht zunächst vor Gott selbst. Es ist die persönliche, private Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld im Angesicht des heiligen Gottes. In der evangelischen Tradition wird dies oft das “allgemeine Priestertum” genannt – jeder Gläubige hat direkten Zugang zu Gott und kann seine Sünden unmittelbar vor ihm bekennen, ohne menschliche Vermittlung. Dies ist eine kostbare Wahrheit, die nicht aufgegeben werden darf. Der Hebräerbrief ermutigt: “Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben” (Hebräer 4,16).
Doch das biblische Zeugnis geht weiter. Jakobus schreibt: “Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet” (Jakobus 5,16). Es gibt eine Dimension des Bekenntnisses, die horizontal geschieht, zwischen Geschwistern. Warum? Weil Sünde nicht nur unsere Beziehung zu Gott, sondern auch zu anderen Menschen beschädigt. Weil wir als gefallene, zur Selbsttäuschung neigende Wesen oft blinde Flecken haben, die andere sehen können. Weil die Gemeinschaft der Gläubigen ein Ort der Wahrheit, der Transparenz, der gegenseitigen Hilfe sein soll. Die moderne evangelikale Kirche hat hier eine tragische Schwäche: Es gibt kaum Räume für ehrliches, tiefes Bekenntnis.
Gottesdienste sind oft Schauplätze perfekter Fassaden, wo jeder lächelt und niemand zugibt, dass er kämpft, zweifelt, versagt. Selbst Kleingruppen bleiben oft an der Oberfläche, sprechen über theologische Fragen oder organisatorische Details, aber nicht über die echten Kämpfe der Seele.
Die katholische Tradition der Beichte hat bei allen problematischen Auswüchsen einen wichtigen Aspekt bewahrt: einen strukturierten Raum für regelmäßiges Sündenbekenntnis. Vielleicht brauchen evangelikale Gemeinden neue Formen der accountability, der Rechenschaftspflicht, wo Christen sich gegenseitig helfen, im Licht zu bleiben. Dietrich Bonhoeffer schrieb in “Gemeinsames Leben”: “Wer allein mit seiner Sünde bleibt, der bleibt allein überhaupt… Es kann aber sein, dass Christen, trotzdem sie miteinander in Gemeinschaft, Wort und Sakrament haben, doch einsam bleiben, weil sie nicht den letzten Schritt der Gemeinschaft wagen, den Durchbruch zur Beichte.” Er argumentiert, dass das gegenseitige Bekenntnis nicht nur theologisch geboten, sondern auch psychologisch befreiend und geistlich heilsam ist.
Die Verheißung, die Johannes an das Bekenntnis knüpft, ist gewaltig: Vergebung und Reinigung. “Er ist treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.” Beachten Sie die beiden Attribute Gottes hier: treu und gerecht. Gott vergibt nicht aus Nachsicht, Gleichgültigkeit oder Sentimentalität, sondern aufgrund seiner Treue zu seinem Bund und aufgrund der Gerechtigkeit, die am Kreuz hergestellt wurde. Christus hat die Strafe getragen, die Gerechtigkeit ist erfüllt, und deshalb kann Gott den Glaubenden gerecht sprechen, ohne selbst ungerecht zu sein. Paulus erklärt: “Denn den, der von keiner Sünde wusste, hat Gott für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt” (2. Korinther 5,21).
Das ist das Herzstück des Evangeliums: der große Austausch, bei dem unsere Sünde auf Christus gelegt wird und seine Gerechtigkeit uns zugerechnet wird.
Vergebung bedeutet, dass die Schuld getilgt ist. Die Rechnung ist bezahlt. Die Anklage ist fallen gelassen. Paulus jubelt: “So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind” (Römer 8,1). Das ist keine vorübergehende Entlastung, keine bedingte Begnadigung, sondern vollständige, endgültige Freisprache vor dem Richterstuhl Gottes. Dies ist das Fundament christlicher Gewissheit und Freude. Doch Johannes fügt noch etwas hinzu: nicht nur Vergebung, sondern auch Reinigung “von aller Ungerechtigkeit”. Vergebung ist ein forensischer, rechtlicher Begriff – die Schuld wird nicht angerechnet. Reinigung ist ein transformativer, erneuerungsbezogener Begriff – die Unreinheit wird entfernt.
Gott vergibt nicht nur unsere Sünden, er befreit uns auch von ihrer befleckenden, versklavenden Macht. Das ist der Prozess der Heiligung, den der Heilige Geist im Leben des Gläubigen vollzieht.
Entscheidend ist: Diese Vergebung und Reinigung sind nicht automatisch, sondern an das Bekenntnis gebunden. “Wenn wir aber unsre Sünden bekennen…” Die Bedingung ist klar. Gott zwingt niemandem seine Gnade auf. Wer seine Sünde leugnet, abweist oder rechtfertigt, kann keine Vergebung empfangen – nicht weil Gott unwillig wäre zu vergeben, sondern weil Vergebung nur dort wirksam werden kann, wo Schuld anerkannt wird. Ein Arzt kann einen Patienten nur heilen, der seine Krankheit anerkennt und sich behandeln lässt. Jesus sagte: “Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten” (Lukas 5,31–32).
Wer sich für gesund hält, wird nicht zum Arzt gehen. Wer sich für gerecht hält, wird Christus nicht suchen.
Dann kommt die dritte, noch schärfere Warnung: “Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.” Während Vers 8 die Leugnung der sündigen Natur betrifft (“wir haben keine Sünde” – den inneren Zustand), geht es in Vers 10 um die Leugnung sündiger Taten (“wir haben nicht gesündigt” – konkrete Handlungen). Beide Formen der Leugnung sind Selbstbetrug, aber die zweite ist noch gravierender, weil sie Gott selbst zum Lügner macht. Warum? Weil Gottes Wort unmissverständlich erklärt: “Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten” (Römer 3,23). “Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer” (Römer 3,10). “Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt”, widersprechen wir direkter göttlicher Offenbarung. Wir stellen unsere eigene Einschätzung über Gottes Urteil. Das ist nicht nur Selbstbetrug, sondern Rebellion gegen Gottes Autorität.
Diese Haltung findet sich heute besonders dort, wo Menschen behaupten, bestimmte Verhaltensweisen seien für sie keine Sünde, auch wenn Gottes Wort sie klar als solche bezeichnet. “Gott hat mich so gemacht”, “Das ist meine Wahrheit”, “Warum sollte mein Verhalten falsch sein, alles kommt doch von Gott”, “Gott ist doch Liebe, also liebte er auch meine Sünde”, “Ich bin, wie ich bin” – solche Aussagen werden benutzt, um biblische Gebote auszuhebeln. Doch die Bibel ist nicht verhandelbar. Jesus sagte: “Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen” (Matthäus 24,35). Unsere Gefühle, unsere Kultur, unsere persönliche Überzeugung – nichts davon hat Autorität über Gottes geoffenbartem Wort.
Wer sagt “Ich habe nicht gesündigt”, obwohl er Dinge tut, die Gott als Sünde bezeichnet, macht Gott zum Lügner.
Johannes’ abschließende Bemerkung trifft ins Herz: “und sein Wort ist nicht in uns.” Das ist der Kern des Problems. Wo Gottes Wort nicht im Herzen wohnt, nicht studiert, nicht geliebt, nicht befolgt wird, dort entsteht zwangsläufig Selbstbetrug. Nur durch die regelmäßige, ehrliche Begegnung mit der Heiligen Schrift werden unsere Gedanken, Motive und Handlungen offengelegt. Der Hebräerbrief beschreibt: “Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen” (Hebräer 4,12–13).
Die Bibel ist der Spiegel, in dem wir unser wahres Gesicht sehen – nicht das idealisierte Selbstbild, das wir pflegen, sondern die Realität, wie Gott sie sieht.
Eine Kirche, die Gottes Wort nicht mehr ernst nimmt, wird zwangsläufig in Selbstbetrug verfallen. Sie wird eigene Maßstäbe setzen, eigene Definitionen von Gut und Böse entwickeln, eigene moralische Kategorien erfinden – und all das als christlich bezeichnen. Doch ohne das objektive, von außen kommende, autoritative Wort Gottes gibt es keinen Standard, an dem wir uns messen können. Jeder wird dann Richter in eigener Sache, und das Ergebnis ist vorhersehbar: Selbstrechtfertigung, Verharmlosung, Relativierung. Die Reformatoren erkannten dies und betonten das Prinzip sola scriptura – allein die Schrift. Nicht die Schrift plus kirchliche Tradition, nicht die Schrift plus persönliche Erfahrung, nicht die Schrift plus zeitgenössische Kultur, sondern die Schrift allein als letzte Autorität in allen Fragen des Glaubens und Lebens.
Was bedeuten diese Verse praktisch für das Leben der Kirche heute? Zunächst: Die Kirche muss den biblischen Begriff der Sünde wiederherstellen. Das bedeutet, in der Verkündigung, in der Seelsorge, in der Lehre klar zu benennen, was Sünde ist – nicht in liebloser, verurteilender Weise, aber ehrlich und biblisch fundiert. Die Predigt muss wieder das Gewissen ansprechen, zur Selbstprüfung aufrufen, zur Buße führen. Paulus beschreibt die Wirkung seiner Verkündigung: “Wenn sie aber alle prophetisch reden und es kommt ein Ungläubiger oder Unkundiger herein, der wird von allen geprüft und von allen überführt; was in seinem Herzen verborgen ist, wird offenbar, und so wird er niederfallen auf sein Angesicht, wird Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist” (1. Korinther 14,24–25).
Echte Verkündigung führt zur Überführung, zur Offenbarung verborgener Herzenshaltungen, zur Anbetung und zum Bekenntnis. Wann haben wir das zuletzt in unseren Gottesdiensten erlebt?
Zweitens: Die Kirche muss Räume für ehrliches Bekenntnis schaffen. Das können strukturierte accountability-Gruppen sein, seelsorgerliche Beziehungen, oder wiederentdeckte liturgische Formen wie gemeinsames Sündenbekenntnis im Gottesdienst. Die anglikanische Tradition bewahrt zum Beispiel ein “General Confession”, in dem die Gemeinde gemeinsam ihre Sündhaftigkeit vor Gott bekennt, gefolgt von einem “Absolution”, einem priesterlichen Zuspruch der Vergebung für alle, die wahrhaft bereuen. Viele evangelikale Gottesdienste haben solche Elemente völlig verloren und sind zu reinen Motivations- und Lehrveranstaltungen geworden. Wo bleibt der Raum für Buße, Bekenntnis, Vergebungszuspruch?
Drittens: Geistliche Leiterschaft muss mit gutem Beispiel vorangehen. Leiter, die ihre eigenen Kämpfe und Versagen transparent machen (wo angemessen), schaffen eine Kultur der Ehrlichkeit. Leiter, die unantastbar erscheinen und keine Schwäche zeigen, fördern Heuchelei. Paulus war bemerkenswert offen über seine eigenen Kämpfe: “Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?” (Römer 7,24). Diese Verletzlichkeit macht ihn nicht weniger glaubwürdig, sondern authentischer und zugänglicher. Natürlich gibt es Grenzen – nicht jedes Detail muss öffentlich gemacht werden, und manche Bekenntnisse gehören in vertrauliche Kontexte.
Aber das Prinzip bleibt: Leiter sollten als erlöste Sünder erkennbar sein, nicht als perfekte Heilige.
Viertens: Die Verkündigung der Vergebung muss ebenso klar sein wie die Verkündigung der Sünde. Das Evangelium ist gute Nachricht! Ja, wir sind Sünder, aber Christus ist gestorben für Sünder. Ja, wir verfehlen Gottes Standard, aber Christus hat ihn für uns erfüllt. Ja, wir verdienen Strafe, aber Christus hat sie getragen. Die Botschaft der Kirche darf nicht bei der Diagnose stehen bleiben, sondern muss zur Heilung führen.
Luther verstand dies tief: “Fürchte dich nicht vor der Wahrheit deiner Sünde, sondern halte dich noch fester an Christus. Erkenne mutig, wo du fällst – und glaube noch mutiger, dass seine Gnade größer ist als dein Fallen. In dieser Gnade darfst du dich freuen.” Luther meint nicht, dass wir leichtfertig sündigen sollen. Er meint: Wenn wir gefallen sind, sollen wir nicht in Verzweiflung versinken, sondern noch stärker auf Christi Vergebung vertrauen. Die Sünde soll uns nicht von Christus wegtreiben, sondern zu Christus hin. Die Gnade ist größer als alle Sünde.
Fünftens: Die Kirche muss die fortlaufende Natur des Bekenntnisses betonen. Bekenntnis ist nicht eine einmalige Handlung bei der Bekehrung, sondern eine lebenslange Praxis. Die katholische Tradition hat dies im Konzept der regelmäßigen Beichte bewahrt, aber auch evangelikale Christen brauchen Rhythmen der Selbstprüfung und des Bekenntnisses. Die Puritaner praktizierten oft tägliche Selbstprüfung am Abend, in der sie den Tag vor Gott Revue passieren ließen, Versagen bekannten und um Gnade baten. Das Abendmahl kann ebenfalls ein solcher Moment sein – Paulus ermahnt: “Der Mensch prüfe aber sich selbst, und so esse er von diesem Brot und trinke aus diesem Kelch” (1. Korinther 11,28). Diese regelmäßigen Momente der ehrlichen Selbstprüfung bewahren uns vor der schleichenden Verhärtung des Herzens.
Schließlich: Die Kirche muss lehren, dass Heiligung ein Prozess ist, der Kampf einschließt. Die Realität des christlichen Lebens ist nicht, dass wir nach der Bekehrung nicht mehr sündigen, sondern dass wir in einen lebenslangen Kampf gegen die Sünde eintreten, in dem wir zunehmend verwandelt werden in Christi Bild.
Johannes schreibt diese Verse an Christen, nicht an Ungläubige. Er setzt voraus, dass auch Gläubige sündigen und fortlaufend Bekenntnis und Vergebung brauchen. Die Vorstellung, dass wahre Christen einen Zustand erreichen können, in dem sie nicht mehr sündigen, ist unbiblisch und führt entweder zu Verzweiflung (wenn man ehrlich ist) oder zu Selbstbetrug (wenn man die Standards senkt, um sich als sündlos zu definieren). Die biblische Wahrheit ist nüchterner und trostreicher: Wir bleiben Kämpfende, aber wir sind nicht allein, und der Sieg ist letztlich sicher, weil Christus ihn errungen hat.
Die Verse 8–10 von 1. Johannes 1 sind eine kraftvolle Zusammenfassung der Spannung, in der die Kirche lebt: zwischen der Realität fortbestehender Sünde und der Verheißung vollständiger Vergebung, zwischen der Gefahr des Selbstbetrugs und der Befreiung durch ehrliches Bekenntnis, zwischen menschlichem Versagen und göttlicher Treue.
Eine Kirche, die diese Spannung versteht und lebt, wird weder in Gesetzlichkeit noch in Libertinismus verfallen, weder in Verzweiflung noch in Selbstgefälligkeit. Sie wird eine Gemeinschaft ehrlicher, kämpfender, aber durch Gnade gehaltener Menschen sein – eine wahre Gemeinschaft der Heiligen, die sich als Gemeinschaft erlöster Sünder versteht.
„Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus” (Philipper 4,7). Amen.

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