Die gefährliche Illusion der sündlosen Kirche!

Johan­nes’ War­nung vor Selbst­be­trug trifft die moder­ne Kir­che ins Mark. Wo Sün­de nicht mehr benannt wird, ver­schwin­det ech­te Umkehr. Wo Bekennt­nis durch Selbst­recht­fer­ti­gung ersetzt wird, stirbt Gemein­schaft mit Gott. Ein Ruf zur radi­ka­len Ehr­lich­keit.

1.Johannes 1,8–10: Wenn wir sagen, wir haben kei­ne Sün­de, so betrü­gen wir uns selbst, und die Wahr­heit ist nicht in uns.
Wenn wir aber uns­re Sün­den beken­nen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sün­den ver­gibt und rei­nigt uns von aller Unge­rech­tig­keit. Wenn wir sagen, wir haben nicht gesün­digt, so machen wir ihn zum Lüg­ner, und sein Wort ist nicht in uns.”

Die gefährliche Illusion der sündlosen Kirche: Selbstbetrug, falsche Gnade und verlorene Wahrheit

In einer Zeit, in der das Wort “Sün­de” aus vie­len kirch­li­chen Voka­bu­la­ren nahe­zu ver­schwun­den ist, klin­gen die Wor­te des Johan­nes wie ein Don­ner­schlag aus einer ver­gan­ge­nen Epo­che: “Wenn wir sagen, wir haben kei­ne Sün­de, so betrü­gen wir uns selbst, und die Wahr­heit ist nicht in uns.” Der Apos­tel adres­siert hier eine der gefähr­lichs­ten Ten­den­zen, die eine Kir­che erfas­sen kann: den Selbst­be­trug hin­sicht­lich der eige­nen mora­li­schen und geist­li­chen Ver­fas­sung. Die­ser Selbst­be­trug mani­fes­tiert sich heu­te auf viel­fäl­ti­ge Wei­se – von der völ­li­gen Leug­nung des Sün­den­be­griffs in libe­ra­len Krei­sen bis zur pha­ri­säi­schen Selbst­ge­rech­tig­keit in kon­ser­va­ti­ven Gemein­den. In bei­den Fäl­len gilt: Wo Sün­de nicht mehr erkannt, bekannt und bereut wird, dort ist die Wahr­heit nicht, und damit auch nicht Gott selbst.

Die moder­ne libe­ra­le Theo­lo­gie hat den Sün­den­be­griff sys­te­ma­tisch demon­tiert. Was über Jahr­hun­der­te als mora­li­sches Ver­sa­gen, als Rebel­li­on gegen Gott, als Ver­feh­lung sei­ner hei­li­gen Stan­dards ver­stan­den wur­de, wird heu­te als psy­cho­lo­gi­sches Pro­blem, als Resul­tat gesell­schaft­li­cher Struk­tu­ren oder als natür­li­che mensch­li­che Ent­wick­lung umde­fi­niert. Man spricht von “Feh­lern”, “Schwä­chen”, “unglück­li­chen Ent­schei­dun­gen” oder “Wachs­tums­mög­lich­kei­ten”, aber das bibli­sche Kon­zept der Sün­de – als fun­da­men­ta­le Ent­frem­dung von Gott, als schuld­haf­tes Ver­feh­len sei­ner Gebo­te – wird als ver­al­tet, repres­siv und psy­cho­lo­gisch schäd­lich abge­lehnt. Der berühm­te Psych­ia­ter Karl Men­nin­ger schrieb bereits 1973 ein Buch mit dem bezeich­nen­den Titel “Wha­te­ver Beca­me of Sin?” (“Was ist aus der Sün­de gewor­den?”), in dem er die Auf­lö­sung des Sün­den­be­griffs in der moder­nen Gesell­schaft beklag­te. Fünf­zig Jah­re spä­ter hat sich die­ser Trend in der Kir­che selbst voll­ends durch­ge­setzt.

Die Fol­gen die­ser Ent­wick­lung sind ver­hee­rend. Wo es kei­ne Sün­de gibt, braucht es kei­ne Erlö­sung. Wo es kei­ne Schuld gibt, braucht es kei­ne Ver­ge­bung. Wo es kein mora­li­sches Ver­sa­gen gibt, braucht es kei­nen Erlö­ser. Das Kreuz Chris­ti wird in die­sem Den­ken sei­ner zen­tra­len Bedeu­tung beraubt und zu einem blo­ßen Sym­bol gött­li­cher Soli­da­ri­tät mit mensch­li­chem Leid redu­ziert. Pau­lus schrieb jedoch unmiss­ver­ständ­lich: “Denn das Wort vom Kreuz ist eine Tor­heit denen, die ver­lo­ren wer­den; uns aber, die wir selig wer­den, ist’s eine Got­tes­kraft” (1. Korin­ther 1,18). Das Kreuz macht nur Sinn im Kon­text der Sün­de. Chris­tus starb nicht, um uns ein gutes Bei­spiel zu geben oder gött­li­ches Mit­ge­fühl zu demons­trie­ren, son­dern um die Stra­fe für unse­re Sün­den zu tra­gen. “Er ist um uns­rer Mis­se­tat wil­len ver­wun­det und um uns­rer Sün­de wil­len zer­schla­gen. Die Stra­fe liegt auf ihm, auf dass wir Frie­den hät­ten, und durch sei­ne Wun­den sind wir geheilt” (Jesa­ja 53,5).

Eine Theo­lo­gie, die die Sün­de leug­net, macht das Evan­ge­li­um über­flüs­sig.

Beson­ders per­fi­de ist die moder­ne Umkeh­rung mora­li­scher Kate­go­rien. Was die Bibel ein­deu­tig als Sün­de bezeich­net, wird heu­te als per­sön­li­che Frei­heit, authen­ti­sche Selbst­ver­wirk­li­chung oder sogar als gott­ge­ge­be­ne Iden­ti­tät umge­deu­tet. Wer dage­gen das bibli­sche Zeug­nis hoch­hält und Sün­de beim Namen nennt, wird als lieb­los, into­le­rant oder gar als Ver­ur­sa­cher psy­chi­scher Schä­den gebrand­markt. Der Pro­phet Jesa­ja warn­te vor genau die­ser Ver­keh­rung: “Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nen­nen, die aus Fins­ter­nis Licht und aus Licht Fins­ter­nis machen, die aus sau­er süß und aus süß sau­er machen!” (Jesa­ja 5,20). Wenn die Kir­che selbst beginnt, Sün­de als Tugend zu fei­ern und bibli­sche Wahr­heit als Irr­tum zu ver­ur­tei­len, dann hat sie ihre bibli­sche Grund­la­ge völ­lig ver­lo­ren. Sie mag noch reli­gi­ös sein, aber sie ist nicht mehr christ­lich.

Doch Selbst­be­trug hin­sicht­lich der Sün­de fin­det sich nicht nur in libe­ra­len, son­dern auch in kon­ser­va­ti­ven kirch­li­chen Krei­sen. Hier zeigt er sich oft in Form pha­ri­säi­scher Selbst­ge­rech­tig­keit. Man bekennt theo­re­tisch die eige­ne Sün­dig­keit, lebt aber prak­tisch so, als sei man mora­lisch über­le­gen. Es ent­steht eine Kul­tur reli­giö­ser Per­for­mance, in der Feh­ler ver­schwie­gen, Schwä­chen ver­steckt und Mas­ken auf­recht­erhal­ten wer­den müs­sen. Men­schen kämp­fen mit Süch­ten, zer­bro­che­nen Ehen, finan­zi­el­len Unehr­lich­kei­ten, sexu­el­len Ver­su­chun­gen, aber nie­mand spricht dar­über, weil alle Angst haben, ihr from­mes Image zu ver­lie­ren. Jesus kon­fron­tier­te die­se Hal­tung bei den reli­giö­sen Füh­rern sei­ner Zeit scho­nungs­los: “Weh euch, Schrift­ge­lehr­te und Pha­ri­sä­er, ihr Heuch­ler, die ihr den Zehn­ten gebt von Min­ze, Dill und Küm­mel und lasst das Wich­tigs­te im Gesetz bei­sei­te, näm­lich das Recht, die Barm­her­zig­keit und den Glau­ben!” (Mat­thä­us 23,23).

Äuße­re Fröm­mig­keit bei gleich­zei­ti­ger inne­rer Unehr­lich­keit ist Heu­che­lei – und Heu­che­lei ist Selbst­be­trug.

Johan­nes macht deut­lich: “Wenn wir sagen, wir haben kei­ne Sün­de, so betrü­gen wir uns selbst.” Nicht ande­re – uns selbst. Der größ­te Scha­den des Leug­nens von Sün­de trifft nicht Gott, der die Wahr­heit ohne­hin kennt, son­dern uns selbst. Selbst­be­trug führt zu geist­li­cher Blind­heit. Wer sei­ne Sün­de leug­net, kann nicht umkeh­ren. Wer nicht umkehrt, kann nicht Ver­ge­bung emp­fan­gen. Wer kei­ne Ver­ge­bung emp­fängt, bleibt in Schuld und Tren­nung von Gott gefan­gen. Der Psych­ia­ter und Seel­sor­ger Lar­ry Crabb bemerk­te tref­fend: “Die größ­te Bar­rie­re für geist­li­ches Wachs­tum ist nicht Sün­de, son­dern Selbst­täu­schung über Sün­de.” Jere­mia beschrieb die mensch­li­che Nei­gung zum Selbst­be­trug dras­tisch: “Es ist das Herz ein trot­zig und ver­zagt Ding; wer kann es ergrün­den?” (Jere­mia 17,9). Ohne die scho­nungs­lo­se Offen­ba­rung des Hei­li­gen Geis­tes durch Got­tes Wort kön­nen wir die Tie­fen unse­rer eige­nen Sünd­haf­tig­keit nicht ein­mal erfas­sen.

Und genau des­halb fügt Johan­nes sofort die Lösung hin­zu: “Wenn wir aber uns­re Sün­den beken­nen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sün­den ver­gibt und rei­nigt uns von aller Unge­rech­tig­keit.” Das Bekennt­nis der Sün­de ist der Wen­de­punkt, der Moment der Wahr­heit, der aus der Fins­ter­nis des Selbst­be­trugs ins Licht der Ehr­lich­keit führt. Bekennt­nis bedeu­tet zunächst, die Sün­de als das anzu­er­ken­nen, was sie ist: nicht als Feh­ler, nicht als Schwä­che, nicht als unver­meid­li­che mensch­li­che Unzu­läng­lich­keit, son­dern als schuld­haf­tes Ver­ge­hen gegen den hei­li­gen Gott. Das grie­chi­sche Wort für beken­nen, homo­lo­geō, bedeu­tet wört­lich “das Glei­che sagen” – also mit Gott über­ein­stim­men in der Beur­tei­lung unse­rer Tat.

Wir sagen über unse­re Sün­de das, was Gott dar­über sagt. Kei­ne Aus­re­den, kei­ne Rela­ti­vie­run­gen, kei­ne Schuld­zu­wei­sun­gen an ande­re oder an Umstän­de. David model­lier­te ein sol­ches Bekennt­nis nach sei­nem Ehe­bruch mit Bats­eba: “Denn ich erken­ne mei­ne Mis­se­tat, und mei­ne Sün­de ist immer vor mir. An dir allein habe ich gesün­digt und übel vor dir getan” (Psalm 51,5–6).

Das Bekennt­nis geschieht zunächst vor Gott selbst. Es ist die per­sön­li­che, pri­va­te Aus­ein­an­der­set­zung mit der eige­nen Schuld im Ange­sicht des hei­li­gen Got­tes. In der evan­ge­li­schen Tra­di­ti­on wird dies oft das “all­ge­mei­ne Pries­ter­tum” genannt – jeder Gläu­bi­ge hat direk­ten Zugang zu Gott und kann sei­ne Sün­den unmit­tel­bar vor ihm beken­nen, ohne mensch­li­che Ver­mitt­lung. Dies ist eine kost­ba­re Wahr­heit, die nicht auf­ge­ge­ben wer­den darf. Der Hebrä­er­brief ermu­tigt: “Dar­um lasst uns hin­zu­tre­ten mit Zuver­sicht zu dem Thron der Gna­de, damit wir Barm­her­zig­keit emp­fan­gen und Gna­de fin­den zu der Zeit, wenn wir Hil­fe nötig haben” (Hebrä­er 4,16).

Doch das bibli­sche Zeug­nis geht wei­ter. Jako­bus schreibt: “Bekennt also ein­an­der eure Sün­den und betet für­ein­an­der, dass ihr gesund wer­det” (Jako­bus 5,16). Es gibt eine Dimen­si­on des Bekennt­nis­ses, die hori­zon­tal geschieht, zwi­schen Geschwis­tern. War­um? Weil Sün­de nicht nur unse­re Bezie­hung zu Gott, son­dern auch zu ande­ren Men­schen beschä­digt. Weil wir als gefal­le­ne, zur Selbst­täu­schung nei­gen­de Wesen oft blin­de Fle­cken haben, die ande­re sehen kön­nen. Weil die Gemein­schaft der Gläu­bi­gen ein Ort der Wahr­heit, der Trans­pa­renz, der gegen­sei­ti­gen Hil­fe sein soll. Die moder­ne evan­ge­li­ka­le Kir­che hat hier eine tra­gi­sche Schwä­che: Es gibt kaum Räu­me für ehr­li­ches, tie­fes Bekennt­nis.

Got­tes­diens­te sind oft Schau­plät­ze per­fek­ter Fas­sa­den, wo jeder lächelt und nie­mand zugibt, dass er kämpft, zwei­felt, ver­sagt. Selbst Klein­grup­pen blei­ben oft an der Ober­flä­che, spre­chen über theo­lo­gi­sche Fra­gen oder orga­ni­sa­to­ri­sche Details, aber nicht über die ech­ten Kämp­fe der See­le.

Die katho­li­sche Tra­di­ti­on der Beich­te hat bei allen pro­ble­ma­ti­schen Aus­wüch­sen einen wich­ti­gen Aspekt bewahrt: einen struk­tu­rier­ten Raum für regel­mä­ßi­ges Sün­den­be­kennt­nis. Viel­leicht brau­chen evan­ge­li­ka­le Gemein­den neue For­men der accoun­ta­bi­li­ty, der Rechen­schafts­pflicht, wo Chris­ten sich gegen­sei­tig hel­fen, im Licht zu blei­ben. Diet­rich Bon­hoef­fer schrieb in “Gemein­sa­mes Leben”: “Wer allein mit sei­ner Sün­de bleibt, der bleibt allein über­haupt… Es kann aber sein, dass Chris­ten, trotz­dem sie mit­ein­an­der in Gemein­schaft, Wort und Sakra­ment haben, doch ein­sam blei­ben, weil sie nicht den letz­ten Schritt der Gemein­schaft wagen, den Durch­bruch zur Beich­te.” Er argu­men­tiert, dass das gegen­sei­ti­ge Bekennt­nis nicht nur theo­lo­gisch gebo­ten, son­dern auch psy­cho­lo­gisch befrei­end und geist­lich heil­sam ist.

Die Ver­hei­ßung, die Johan­nes an das Bekennt­nis knüpft, ist gewal­tig: Ver­ge­bung und Rei­ni­gung. “Er ist treu und gerecht, dass er uns die Sün­den ver­gibt und rei­nigt uns von aller Unge­rech­tig­keit.” Beach­ten Sie die bei­den Attri­bu­te Got­tes hier: treu und gerecht. Gott ver­gibt nicht aus Nach­sicht, Gleich­gül­tig­keit oder Sen­ti­men­ta­li­tät, son­dern auf­grund sei­ner Treue zu sei­nem Bund und auf­grund der Gerech­tig­keit, die am Kreuz her­ge­stellt wur­de. Chris­tus hat die Stra­fe getra­gen, die Gerech­tig­keit ist erfüllt, und des­halb kann Gott den Glau­ben­den gerecht spre­chen, ohne selbst unge­recht zu sein. Pau­lus erklärt: “Denn den, der von kei­ner Sün­de wuss­te, hat Gott für uns zur Sün­de gemacht, damit wir in ihm die Gerech­tig­keit wür­den, die vor Gott gilt” (2. Korin­ther 5,21).

Das ist das Herz­stück des Evan­ge­li­ums: der gro­ße Aus­tausch, bei dem unse­re Sün­de auf Chris­tus gelegt wird und sei­ne Gerech­tig­keit uns zuge­rech­net wird.

Ver­ge­bung bedeu­tet, dass die Schuld getilgt ist. Die Rech­nung ist bezahlt. Die Ankla­ge ist fal­len gelas­sen. Pau­lus jubelt: “So gibt es nun kei­ne Ver­damm­nis für die, die in Chris­tus Jesus sind” (Römer 8,1). Das ist kei­ne vor­über­ge­hen­de Ent­las­tung, kei­ne beding­te Begna­di­gung, son­dern voll­stän­di­ge, end­gül­ti­ge Frei­spra­che vor dem Rich­ter­stuhl Got­tes. Dies ist das Fun­da­ment christ­li­cher Gewiss­heit und Freu­de. Doch Johan­nes fügt noch etwas hin­zu: nicht nur Ver­ge­bung, son­dern auch Rei­ni­gung “von aller Unge­rech­tig­keit”. Ver­ge­bung ist ein foren­si­scher, recht­li­cher Begriff – die Schuld wird nicht ange­rech­net. Rei­ni­gung ist ein trans­for­ma­ti­ver, erneue­rungs­be­zo­ge­ner Begriff – die Unrein­heit wird ent­fernt.

Gott ver­gibt nicht nur unse­re Sün­den, er befreit uns auch von ihrer befle­cken­den, ver­skla­ven­den Macht. Das ist der Pro­zess der Hei­li­gung, den der Hei­li­ge Geist im Leben des Gläu­bi­gen voll­zieht.

Ent­schei­dend ist: Die­se Ver­ge­bung und Rei­ni­gung sind nicht auto­ma­tisch, son­dern an das Bekennt­nis gebun­den. “Wenn wir aber uns­re Sün­den beken­nen…” Die Bedin­gung ist klar. Gott zwingt nie­man­dem sei­ne Gna­de auf. Wer sei­ne Sün­de leug­net, abweist oder recht­fer­tigt, kann kei­ne Ver­ge­bung emp­fan­gen – nicht weil Gott unwil­lig wäre zu ver­ge­ben, son­dern weil Ver­ge­bung nur dort wirk­sam wer­den kann, wo Schuld aner­kannt wird. Ein Arzt kann einen Pati­en­ten nur hei­len, der sei­ne Krank­heit aner­kennt und sich behan­deln lässt. Jesus sag­te: “Die Gesun­den bedür­fen des Arz­tes nicht, son­dern die Kran­ken. Ich bin gekom­men, die Sün­der zur Buße zu rufen und nicht die Gerech­ten” (Lukas 5,31–32).

Wer sich für gesund hält, wird nicht zum Arzt gehen. Wer sich für gerecht hält, wird Chris­tus nicht suchen.

Dann kommt die drit­te, noch schär­fe­re War­nung: “Wenn wir sagen, wir haben nicht gesün­digt, so machen wir ihn zum Lüg­ner, und sein Wort ist nicht in uns.” Wäh­rend Vers 8 die Leug­nung der sün­di­gen Natur betrifft (“wir haben kei­ne Sün­de” – den inne­ren Zustand), geht es in Vers 10 um die Leug­nung sün­di­ger Taten (“wir haben nicht gesün­digt” – kon­kre­te Hand­lun­gen). Bei­de For­men der Leug­nung sind Selbst­be­trug, aber die zwei­te ist noch gra­vie­ren­der, weil sie Gott selbst zum Lüg­ner macht. War­um? Weil Got­tes Wort unmiss­ver­ständ­lich erklärt: “Sie sind alle­samt Sün­der und erman­geln des Ruh­mes, den sie bei Gott haben soll­ten” (Römer 3,23). “Da ist kei­ner, der gerecht ist, auch nicht einer” (Römer 3,10). “Wenn wir sagen, wir haben nicht gesün­digt”, wider­spre­chen wir direk­ter gött­li­cher Offen­ba­rung. Wir stel­len unse­re eige­ne Ein­schät­zung über Got­tes Urteil. Das ist nicht nur Selbst­be­trug, son­dern Rebel­li­on gegen Got­tes Auto­ri­tät.

Die­se Hal­tung fin­det sich heu­te beson­ders dort, wo Men­schen behaup­ten, bestimm­te Ver­hal­tens­wei­sen sei­en für sie kei­ne Sün­de, auch wenn Got­tes Wort sie klar als sol­che bezeich­net. “Gott hat mich so gemacht”, “Das ist mei­ne Wahr­heit”, War­um soll­te mein Ver­hal­ten falsch sein, alles kommt doch von Gott”, “Gott ist doch Lie­be, also lieb­te er auch mei­ne Sün­de”, “Ich bin, wie ich bin” – sol­che Aus­sa­gen wer­den benutzt, um bibli­sche Gebo­te aus­zu­he­beln. Doch die Bibel ist nicht ver­han­del­bar. Jesus sag­te: “Him­mel und Erde wer­den ver­ge­hen; aber mei­ne Wor­te wer­den nicht ver­ge­hen” (Mat­thä­us 24,35). Unse­re Gefüh­le, unse­re Kul­tur, unse­re per­sön­li­che Über­zeu­gung – nichts davon hat Auto­ri­tät über Got­tes geof­fen­bar­tem Wort.

Wer sagt “Ich habe nicht gesün­digt”, obwohl er Din­ge tut, die Gott als Sün­de bezeich­net, macht Gott zum Lüg­ner.

Johan­nes’ abschlie­ßen­de Bemer­kung trifft ins Herz: “und sein Wort ist nicht in uns.” Das ist der Kern des Pro­blems. Wo Got­tes Wort nicht im Her­zen wohnt, nicht stu­diert, nicht geliebt, nicht befolgt wird, dort ent­steht zwangs­läu­fig Selbst­be­trug. Nur durch die regel­mä­ßi­ge, ehr­li­che Begeg­nung mit der Hei­li­gen Schrift wer­den unse­re Gedan­ken, Moti­ve und Hand­lun­gen offen­ge­legt. Der Hebrä­er­brief beschreibt: “Denn das Wort Got­tes ist leben­dig und kräf­tig und schär­fer als jedes zwei­schnei­di­ge Schwert und dringt durch, bis es schei­det See­le und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Rich­ter der Gedan­ken und Sin­ne des Her­zens. Und kein Geschöpf ist vor ihm ver­bor­gen, son­dern es ist alles bloß und auf­ge­deckt vor den Augen Got­tes, dem wir Rechen­schaft geben müs­sen” (Hebrä­er 4,12–13).

Die Bibel ist der Spie­gel, in dem wir unser wah­res Gesicht sehen – nicht das idea­li­sier­te Selbst­bild, das wir pfle­gen, son­dern die Rea­li­tät, wie Gott sie sieht.

Eine Kir­che, die Got­tes Wort nicht mehr ernst nimmt, wird zwangs­läu­fig in Selbst­be­trug ver­fal­len. Sie wird eige­ne Maß­stä­be set­zen, eige­ne Defi­ni­tio­nen von Gut und Böse ent­wi­ckeln, eige­ne mora­li­sche Kate­go­rien erfin­den – und all das als christ­lich bezeich­nen. Doch ohne das objek­ti­ve, von außen kom­men­de, auto­ri­ta­ti­ve Wort Got­tes gibt es kei­nen Stan­dard, an dem wir uns mes­sen kön­nen. Jeder wird dann Rich­ter in eige­ner Sache, und das Ergeb­nis ist vor­her­seh­bar: Selbst­recht­fer­ti­gung, Ver­harm­lo­sung, Rela­ti­vie­rung. Die Refor­ma­to­ren erkann­ten dies und beton­ten das Prin­zip sola scrip­tu­ra – allein die Schrift. Nicht die Schrift plus kirch­li­che Tra­di­ti­on, nicht die Schrift plus per­sön­li­che Erfah­rung, nicht die Schrift plus zeit­ge­nös­si­sche Kul­tur, son­dern die Schrift allein als letz­te Auto­ri­tät in allen Fra­gen des Glau­bens und Lebens.

Was bedeu­ten die­se Ver­se prak­tisch für das Leben der Kir­che heu­te? Zunächst: Die Kir­che muss den bibli­schen Begriff der Sün­de wie­der­her­stel­len. Das bedeu­tet, in der Ver­kün­di­gung, in der Seel­sor­ge, in der Leh­re klar zu benen­nen, was Sün­de ist – nicht in lieb­lo­ser, ver­ur­tei­len­der Wei­se, aber ehr­lich und biblisch fun­diert. Die Pre­digt muss wie­der das Gewis­sen anspre­chen, zur Selbst­prü­fung auf­ru­fen, zur Buße füh­ren. Pau­lus beschreibt die Wir­kung sei­ner Ver­kün­di­gung: “Wenn sie aber alle pro­phe­tisch reden und es kommt ein Ungläu­bi­ger oder Unkun­di­ger her­ein, der wird von allen geprüft und von allen über­führt; was in sei­nem Her­zen ver­bor­gen ist, wird offen­bar, und so wird er nie­der­fal­len auf sein Ange­sicht, wird Gott anbe­ten und beken­nen, dass Gott wahr­haf­tig unter euch ist” (1. Korin­ther 14,24–25).

Ech­te Ver­kün­di­gung führt zur Über­füh­rung, zur Offen­ba­rung ver­bor­ge­ner Her­zens­hal­tun­gen, zur Anbe­tung und zum Bekennt­nis. Wann haben wir das zuletzt in unse­ren Got­tes­diens­ten erlebt?

Zwei­tens: Die Kir­che muss Räu­me für ehr­li­ches Bekennt­nis schaf­fen. Das kön­nen struk­tu­rier­te accoun­ta­bi­li­ty-Grup­pen sein, seel­sor­ger­li­che Bezie­hun­gen, oder wie­der­ent­deck­te lit­ur­gi­sche For­men wie gemein­sa­mes Sün­den­be­kennt­nis im Got­tes­dienst. Die angli­ka­ni­sche Tra­di­ti­on bewahrt zum Bei­spiel ein “Gene­ral Con­fes­si­on”, in dem die Gemein­de gemein­sam ihre Sünd­haf­tig­keit vor Gott bekennt, gefolgt von einem “Abso­lu­ti­on”, einem pries­ter­li­chen Zuspruch der Ver­ge­bung für alle, die wahr­haft bereu­en. Vie­le evan­ge­li­ka­le Got­tes­diens­te haben sol­che Ele­men­te völ­lig ver­lo­ren und sind zu rei­nen Moti­va­tions- und Lehr­ver­an­stal­tun­gen gewor­den. Wo bleibt der Raum für Buße, Bekennt­nis, Ver­ge­bungs­zu­spruch?

Drit­tens: Geist­li­che Lei­ter­schaft muss mit gutem Bei­spiel vor­an­ge­hen. Lei­ter, die ihre eige­nen Kämp­fe und Ver­sa­gen trans­pa­rent machen (wo ange­mes­sen), schaf­fen eine Kul­tur der Ehr­lich­keit. Lei­ter, die unan­tast­bar erschei­nen und kei­ne Schwä­che zei­gen, för­dern Heu­che­lei. Pau­lus war bemer­kens­wert offen über sei­ne eige­nen Kämp­fe: “Ich elen­der Mensch! Wer wird mich erlö­sen von die­sem tod­ver­fal­le­nen Lei­be?” (Römer 7,24). Die­se Ver­letz­lich­keit macht ihn nicht weni­ger glaub­wür­dig, son­dern authen­ti­scher und zugäng­li­cher. Natür­lich gibt es Gren­zen – nicht jedes Detail muss öffent­lich gemacht wer­den, und man­che Bekennt­nis­se gehö­ren in ver­trau­li­che Kon­tex­te.

Aber das Prin­zip bleibt: Lei­ter soll­ten als erlös­te Sün­der erkenn­bar sein, nicht als per­fek­te Hei­li­ge.

Vier­tens: Die Ver­kün­di­gung der Ver­ge­bung muss eben­so klar sein wie die Ver­kün­di­gung der Sün­de. Das Evan­ge­li­um ist gute Nach­richt! Ja, wir sind Sün­der, aber Chris­tus ist gestor­ben für Sün­der. Ja, wir ver­feh­len Got­tes Stan­dard, aber Chris­tus hat ihn für uns erfüllt. Ja, wir ver­die­nen Stra­fe, aber Chris­tus hat sie getra­gen. Die Bot­schaft der Kir­che darf nicht bei der Dia­gno­se ste­hen blei­ben, son­dern muss zur Hei­lung füh­ren.

Luther ver­stand dies tief: “Fürch­te dich nicht vor der Wahr­heit dei­ner Sün­de, son­dern hal­te dich noch fes­ter an Chris­tus. Erken­ne mutig, wo du fällst – und glau­be noch muti­ger, dass sei­ne Gna­de grö­ßer ist als dein Fal­len. In die­ser Gna­de darfst du dich freu­en.” Luther meint nicht, dass wir leicht­fer­tig sün­di­gen sol­len. Er meint: Wenn wir gefal­len sind, sol­len wir nicht in Ver­zweif­lung ver­sin­ken, son­dern noch stär­ker auf Chris­ti Ver­ge­bung ver­trau­en. Die Sün­de soll uns nicht von Chris­tus weg­trei­ben, sondern zu Chris­tus hin. Die Gna­de ist grö­ßer als alle Sün­de.

Fünf­tens: Die Kir­che muss die fort­lau­fen­de Natur des Bekennt­nis­ses beto­nen. Bekennt­nis ist nicht eine ein­ma­li­ge Hand­lung bei der Bekeh­rung, son­dern eine lebens­lan­ge Pra­xis. Die katho­li­sche Tra­di­ti­on hat dies im Kon­zept der regel­mä­ßi­gen Beich­te bewahrt, aber auch evan­ge­li­ka­le Chris­ten brau­chen Rhyth­men der Selbst­prü­fung und des Bekennt­nis­ses. Die Puri­ta­ner prak­ti­zier­ten oft täg­li­che Selbst­prü­fung am Abend, in der sie den Tag vor Gott Revue pas­sie­ren lie­ßen, Ver­sa­gen bekann­ten und um Gna­de baten. Das Abend­mahl kann eben­falls ein sol­cher Moment sein – Pau­lus ermahnt: “Der Mensch prü­fe aber sich selbst, und so esse er von die­sem Brot und trin­ke aus die­sem Kelch” (1. Korin­ther 11,28). Die­se regel­mä­ßi­gen Momen­te der ehr­li­chen Selbst­prü­fung bewah­ren uns vor der schlei­chen­den Ver­här­tung des Her­zens.

Schließ­lich: Die Kir­che muss leh­ren, dass Hei­li­gung ein Pro­zess ist, der Kampf ein­schließt. Die Rea­li­tät des christ­li­chen Lebens ist nicht, dass wir nach der Bekeh­rung nicht mehr sün­di­gen, son­dern dass wir in einen lebens­lan­gen Kampf gegen die Sün­de ein­tre­ten, in dem wir zuneh­mend ver­wan­delt wer­den in Chris­ti Bild.

Johan­nes schreibt die­se Ver­se an Chris­ten, nicht an Ungläu­bi­ge. Er setzt vor­aus, dass auch Gläu­bi­ge sün­di­gen und fort­lau­fend Bekennt­nis und Ver­ge­bung brau­chen. Die Vor­stel­lung, dass wah­re Chris­ten einen Zustand errei­chen kön­nen, in dem sie nicht mehr sün­di­gen, ist unbi­blisch und führt ent­we­der zu Ver­zweif­lung (wenn man ehr­lich ist) oder zu Selbst­be­trug (wenn man die Stan­dards senkt, um sich als sünd­los zu defi­nie­ren). Die bibli­sche Wahr­heit ist nüch­ter­ner und trost­rei­cher: Wir blei­ben Kämp­fen­de, aber wir sind nicht allein, und der Sieg ist letzt­lich sicher, weil Chris­tus ihn errun­gen hat.

Die Ver­se 8–10 von 1. Johan­nes 1 sind eine kraft­vol­le Zusam­men­fas­sung der Span­nung, in der die Kir­che lebt: zwi­schen der Rea­li­tät fort­be­stehen­der Sün­de und der Ver­hei­ßung voll­stän­di­ger Ver­ge­bung, zwi­schen der Gefahr des Selbst­be­trugs und der Befrei­ung durch ehr­li­ches Bekennt­nis, zwi­schen mensch­li­chem Ver­sa­gen und gött­li­cher Treue.

Eine Kir­che, die die­se Span­nung ver­steht und lebt, wird weder in Gesetz­lich­keit noch in Liber­ti­nis­mus ver­fal­len, weder in Ver­zweif­lung noch in Selbst­ge­fäl­lig­keit. Sie wird eine Gemein­schaft ehr­li­cher, kämp­fen­der, aber durch Gna­de gehal­te­ner Men­schen sein – eine wah­re Gemein­schaft der Hei­li­gen, die sich als Gemein­schaft erlös­ter Sün­der ver­steht.

„Und der Frie­de Got­tes, der höher ist als alle Ver­nunft, wird eure Her­zen und Sin­ne bewah­ren in Chris­tus Jesus” (Phil­ip­per 4,7). Amen.

Share:

B.Beck writes for BibelBlogger.

Comments are closed.